Tag 18 + 19

Das könnte etwas länger werden...
Hier bin ich wieder zurück in der Zivilisation. Die Isolation war sogar noch etwas weiter reichend als ich gedacht hätte. Nicht nur kein Internet Empfang, nicht einmal "Nur Notrufe". Absolut kein Handy-Empfang (die Direkt-zu-Satellit-Notrufe mancher Anbieter ignoriere ich).
Insofern hatte der Busfahrer auf der Hinfahrt gestern schon recht als er meinte, dass Schulkinder, zum ersten Mal mit absoluter Smartphone-Isolation konfrontiert sind wenn sie in dieser Region für mehrere Tage Naturkunde-Ausflüge machen.
Aber zurück zum Anfang. Los ging es mit einer kurzen Fahrt von Te Anau nach Manapouri an den Lake Manapouri (was soll ich sagen, einfache Namenskonventionen...). Auf dem Plan stand eine Schiffsfahrt (Kreuzfahrt finde ich persönlich etwas übertrieben) mit einer Übernachtung in den Doubtful Sound.
Auf das Thema Sound vs Fjord bin ich schon eingegangen und meine Aussagen wurden von Brock, unserem "Nature Guy" am Schiff vollumfänglich bestätigt.
Zum Namen gibt es allerdings eine Ergänzung. James Cook war damals im Zweifel (doubtful) über die sichere Befahrbarkeit des Fjordes, weil der Wind in dieser Region 350 von 365 Tagen von Westen nach Osten bläst, also in den Sound hinein.
In den 14 Tagen, die er vor der Mündung ankerte gab es keinen einzigen Tag mit Ostwind und die Bereiche des Sounds die er von außen sehen konnte waren viel zu schmal um mit einem Segelschiff des späten 18. Jahrhunderts gegen den Wind zu kreuzen.
Deshalb wurde der Doubtful Sound erst 90 Jahre später mit einem Dampfschiff erstmals befahren.
In Manapouri nahm uns ein Ausfahrsschiff von RealNZ (dem größten Touren- und Ausflugsveranstalter der Region) im Empfang und brachte uns von Pearl Harbour (das auf Hawaii schreibt sich ohne u) über den Lake Manapouri zum West Arm Visitor Centre.

Von dort aus ging es weiter mit zwei Reisebussen über den Wilmot Pass (mehr dazu später) nach Deep Cove, dem der Zivilisation nächstgelegenen Hafen im Doubtful Sound.

Hier erwartete uns auch schon unser Schiff/Restaurant/Hotel für die nächsten 24 Stunden, die Fiordland Navigator (siehe Titelbild).
Um zwei Zahlen vorweg zu nehmen, 49 Passagiere (volle Kapazität wäre 56) und 10 Besatzungsmitglieder.
Nach Begrüßung durch den Kapitän, der Vorstellung der Crew und der verpflichtenden Sicherheitseinschulung legten wir auch schon ab. An dieser Stelle war das Wetter bewölkt mit gelegentlich durchblinzelnder Sonne.
Auf halbem Wege Richtung Tasman See wurde es jedoch deutlich nasser und windiger.

Ich muss gestehen, dass ich bei der Aussage "man hat die Fjorde nur wirklich erlebt wenn es geregnet hat" etwas skeptisch war, ob es sich dabei nicht um Marketing-Schönreden des Touranbieters handelte. Marketing sicher, Schönreden allerdings nicht. Hier muss es Regnen, damit die gesamte Dramatik der Landschaft zur Geltung kommt.
Das macht zwar den Aufenthalt an Deck etwas herausfordernd und das Fotografieren deutlich schwieriger, ist aber das Erlebnis definitiv Wert.
Durch die steilen Hänge im Doubtful wie auch im Mildord Sound können Bäume und Pflanzen keine großen Wassermengen halten. Damit bilden sich nach einem kräftigen Regenguss innerhalb von Minuten hunderte Wasserfälle die teils über hunderte Meter in den Fjord stürzen.
Dazu aber später mehr, da das wahre Schauspiel erst am zweiten Tag so richtig loslegte.
An der Mündung zur Tasman See statteten wir einer Robben auf Nee Island einen kurzen Besuch ab.



Danach ging es zurück in den Doubtful Sound und weiter hinauf eine weitere Abzweigung, den Bradshaw Sound. Ziel hier, Precipice Cove, eine gut geschützte Bucht.
Mittlerweile hatte es aufgehört zu regnen und geschützt durch die Bucht war es absolut windstill und ruhig.
Das bedeutete für das Ausflugsprogramm weiter mit "Wasser-Aktivitäten". Zur Auswahl stand Gruppenausflug im Kajak oder mit den Tenderbooten. Meine Wahl fiel auf letzteres.
Bei einer Runde entlang der Wände der Bucht machte uns unser Guide mit dem Konzept der Baumlawine vertraut.
An den Steilhängen gibt es nur eine kleine Anzahl an Baumspezies, zumeist Buchenarten, die sich selbst und ihre Umgebung am Hang verankern und stabilisieren können. Die gesamte umgebende Vegetation hält sich dann an den Wurzeln dieser "Ankerbäume" fest.
Während langer Trockenperioden kann es dann vorkommen, dass die Wurzeln der Ankerbäume geschwächt werden. Bei starkem Regen kommt es dann häufig vor, dass das Wasser auf den Blättern der Baumkrone zu schwer für die geschwächten Wurzeln wird und der Baum mit allen angehängten Pflanzen und kleineren Bäumen in das darunter liegende Wasser abrutscht und eine blanke Felswand hinterlässt, die dann über ca 80-100 Jahre erst wieder durch Pionierpflanzen begrünt werden muss.
Nach etwa 50 Minuten ging es zurück an Board und nach Rückkehr der Kajak Gruppe sammelte sich eine Gruppe von Mutigen (ein paar Beobachter sprachen auch von Verrückten) am Heck des Schiffes, ausgerüstet mit Badehose und Badetuch um einen Sprung in das 16 Grad kalte Wasser zu wagen. Mein Fazit: scho a bissl frisch.
Nach einer kurzen Dusche und das Salzwasser loszuwerden und mich aufzuwärmen ging es dann auch schon ab zum Abendessen, gefolgt von einer Präsentation von Brock dem "Nature Guy" (sein Titel bei den anderen Besatzungsmitgliedern) über Flora, Fauna und Geographie des Doubtful Sounds.
Damit war das Programm des ersten Tages abgeschlossen und alle Passagiere zogen sich mangels Aussicht (durch die hohen Berge wurde es um 19:00 dämmrig und um 20:00 war es komplett dunkel) gegen 22:00 in ihre Kabinen zurück.
Die Fiordland Navigator ankerte geschützt in Prescipice Cove.
In der Nacht zog eine Starkregen-Front auf die uns fast bis zum Ende des Ausfluges erhalten blieb.
Tag zwei begann um pünktlich um 06:30 als der Kapität die Motoren startete und Kurs zurück Richtung Deep Cove setzte. Gegen 07:00 war das Frühstück bereitet und kurze Zeit später begann unser letzter Abstecher vor der Rückkehr nach Deep Cove in de Hall Arm.
Mit etwas mehr Licht zeigte sich schließlich welche Auswirkung der starke und anhaltende Regen auf den Doubtful Sound hatte. Besonders beeindruckend war dabei die Steilwand des Commander Peak, die fast 400 Meter vertikal abfällt und durch das viele Wasser von oben fast den Eindruck erweckte, die Gesamte Steilwand wäre über mehrere hundert Meter ein langer Wasserfall. Zusätzlich blies der starke Wind das fallende Wasser in alle Richtungen.
In dieser Intensität dürfte das jetzt schon ein paar Monate nicht mehr vorgekommen sein, da fast die gesamte Besatzung ebenfalls an Deck gerannt kam und eifrig zu fotografieren begann.
Als letzter Punkt vor der Rückkehr an Land stand der "Sound of Silence" (Pun intended) auf dem Programm. Der Kapitän suchte eine ruhige und weite Stelle im Hall Arm, alle Passagiere wurden aufgefordert sich einen Platz zu suchen, nicht herumzugehen und möglichst alle Geräusche zu vermeiden. Dazu versammelte sich die Besatzung ebenfalls auf dem Haupt- und Oberdeck bevor der Kapitän alle Motoren und Generatoren des Schiffes abschaltete und das Rauschen des Windes und das entfernte dröhnen hunderter kleiner Wasserfälle übernahm für etwa zehn Minuten die Geräuschkulisse. Absolut magisch.
Gegen 10:00 endete der Ausflug leider auch schon wieder und es ging mit Bus und Schiff wieder zurück man Manapouri.
Alles in Allem ein großartiger Ausflug mit unvergesslichen Erlebnissen, angenehmen Unterhaltungen (kein Internet, kein Handy, damit wird auch der überzeugteste Einzelgänger zum Smalltalker.
Es ist beeindruckend, dass dieser Ausflug, seit der Gründung von RealNZ 1958 (damals unter dem Namen der Gründer aber des ist immer noch die gleiche Firma) angeboten wird. Die Schotterstraße über den Wilmot Pass wurde allerdings erst in den späten 1960er Jahren für den Bau der nahe gelegenen Lake Manapouri Hydro Power Station angelegt um große Bauteile, wie z.B. die 100 Tonnen schweren Transformatoren, die für den Transport über das normale Straßen-Netz (primär über die vielen Brücken) zu schwer waren.
Stattdessen wurden diese Bauteile über den Doubful Sound im Hafen von Deep Cove angelandet und dann mittels vier Zugmaschinen über die speziell dafür befestigte Schotterstraße transportiert.
Von Deep Cove aus ist die maximale Steigung dabei 20%. Oder wie es unser Busfahrer formuliert hat: "jemand der in der letzten Reihe dieses Buses sitzt sitzt aktuell 2 Meter höher als ich (auf dem Hinweg sind wir die 20% hinunter gefahren).
Eine unerwartete Relativierung und Korrektur muss ich zu meiner Aussage vom Anfang meiner Reise zum Thema tote Tiere auf der Straße vornehmen.
Sowohl unser Busfahrer als auch unser Natur-Guide an Board wiesen uns darauf hin, dass, mit Ausnahme einer Fledermausart, alle anderen Säugetiere vom Menschen eingeführt oder eingeschleppt wurden. Einige davon, wie z.B. Haustiere, Schafe, Rinder, ... als Nutztiere und kontrolliert. Viele davon, wie z.B. Hasen, Marder, Wildkatzen, Possums (nicht zu verwechseln mit den amerikanischen Opossums, Possums wurden aus Australien eingeschleppt) sind aber Schädlinge, die ohne natürliche Feinde großen Schaden am lokalen Ökosystem angerichtet haben und anrichten.
Für den Artenschutz ist es deshalb zweckdienlich diese Schädlinge so weit wie möglich zurückzudrängen und wo möglich auszurotten.
Dabei haben Nature Guy (und das Department of Conservation, die Naturschutzbehörde) und der Busfahrer unterschiedliche Ansätze.
Erstere setzten auf Köder und Fallen in gefährdeten Gebieten um Schädlingsbestände zu reduzieren.
Der Kommentar des Busfahrers (und ich glaube nicht, dass es schwarzer Humor war) dazu war "die einfachste Art wie Sie einen Beitrag zum Artenschutz leisten können ist auf der Straße im Auto, wenn Ihnen einer dieser Schädlinge über den Weg läuft, einfach draufhalten".
Der schwarze Humor kam dann im Anschluss in Form eines Witzes (funktioniert nur auf Englisch): "Why did the possum cross the road? To get squished. Why did the second possum cross the road? To hang out with his flat mate."
Damit genug für heute. Ich bin wieder zurück in Te Anau und lausche jetzt während dem Schreiben dieses Beitrages dem Regen und Sturm der gerade über die Region fegt.