Tag 10 - Ich glaub ich hab ein Reh gesehen

Tag 10 - Ich glaub ich hab ein Reh gesehen

Der heutige Tag begann mit einem neuen Höchstwert für eine Zugverspätung. Wenn man es genau nimmt zwei Höchstwerte.

Der mich betreffende waren 25 Minuten. Wegen Sturmböen wurde die Zugstrecke zwischen Tokio und Kyoto von der Küste weiter ins Landesinnere verlegt. Daraus ergab sich für alle Züge eine um 30 Minuten längere Fahrzeit. Dass in Kyoto dann nur mehr 25 Minuten davon übrig waren liegt am Spielraum, den die Fahrpläne bei den Stationsaufenthalten und eventuell auch an eventuellen Geschwindigkeitsreserven.

Die, dem Wert nach, beeindruckendere Verspätung wurde am Nachbargleis mit 120 Minuten durchgesagt. Es mag eventuell eine unvollständige Übersetzung gewesen sein und hätte mehr als 120 Minuten heißen sollen, da der betreffende Zug für 07:35 geplant war und ich um 10:50 am Bahnsteig war.

Positiv für mich war jedenfalls, dass auf dieser Strecke alle 15 Minuten normale Züge fahren und sich dazwischen auch noch ein paar Limited Express Züge reinquetschen, die zwar ein Aufpreis Ticket benötigen aber trotzdem kurzfristig buchbar sind.
Da ich auf keinen bestimmten Zug festgelegt war nahm ich also statt meinen geplanten 11:00 Uhr Zug den 10:30 Zug.

Zuvor hatte ich noch im Hotel meinen großen Koffer auf seine zweite Solo-Reise nach Hiroshima geschickt.
Die Zustellung zwischen Tokio und Kyoto hat problemlos funktioniert und der Koffer war sogar vor mir in Kyoto während ich noch die letzten Blicke auf Mount Fuji genoss.

Aber weiter mit meinen Erlebnissen (ich hab meinem orangen Samsonite Reisekoffer angeboten von seinen Ta-Q-Bin Erlebnissen zu berichten aber er hat wortlos jeglichen Kommentar verweigert).

In Osaka (Station, nicht zu verwechseln mit Shin-Osaka) angekommen verstaute ich zunächst mein leichtes Gepäck in einem Schließfach und machte mich dann mit der Lokalbahn auf den Weg nach Nara.

An dieser Stelle (außer irgendwo zufällig oder am Ende des Beitrages fällt mir kein passender Platz für den Exkurs ein) ein kurzer Exkurs zu japanischen Zügen.
Ähnlich wie bei uns gibt es in Japan eine Hierarchie der Züge bzw. Zugarten die Aussagt, wie schnell man mit einem Zug vorankommt (an dieser Stelle ausgenommen sind Straßenbahnen und U-Bahnen).

In aufsteigender Reihenfolge sind das:

  • Local oder Commuter: Lokalzüge (ähnlich wie bei uns die S-Bahn und Regionalzüge
  • Rapid: Züge, die auf den Lokalbahnlinien fahren aber kleinere halte auslassen (vergleichbar mit den REX). Lustig an dieser Stelle ist aber zu beobachten, dass es die Gattung Semi-Rapid gibt, also schneller als Local aber langsamer als Rapid.
  • Express: Die langsamste Art der Fernzüge. Man kann mit ihnen längere Distanzen überwinden und sie haben mehrere Komfort-Klassen.

Bis hier her sind die Preise rein nach der zurückgelegten Distanz berechnet und man kann, neben einem vorab gekauften Ticket, auch einfach mit einer IC-Card (eine Art Prepaid-Karte für öffentlichen Verkehr und ein paar andere Sachen, die man rund um Bahnhöfe macht) am Start- und Endbahnhof selbige scannen und der Fahrpreis wird dann vom Guthaben abgebucht. (Ausnahmen sind kleine Nebenbahnen, vor allem in ländlichen Gegenden, die keine IC-Terminals haben und nur Papiertickets anbieten)

  • Limited Express: Direktverbindungen zwischen größeren Städten, die keine Shinkansen Verbindung haben. Man benötigt für sie Aufpreis-Tickets und manche Limited-Express-Züge setzen eine Reservierung voraus.
  • Shinkansen (oder auch Super Express genannt) sind die berühmten Hochgeschwindigkeitszüge Japans. Sie fahren auf eigenen Strecken (die Herausforderung mit der Spurweite hab ich schon angesprochen) und verbinden Großstädte miteinander.

Fun Fact: Das Shin in Shinkansen bedeutet das gleiche wie in Shin-Osaka. Es bedeutet neu. Shinkansen bedeutet übersetzt Neue Stammlinie.
Da komplett neue Strecken für diese Züge gebaut wurden, die besondere Anforderungen haben (so wenige Kurven wie möglich, extrem weite Kurvenradien (die Tokaido Strecke hat als älteste die engsten Radien mit 2,5km, neuere Strecken haben 4km und mehr, um höhere Geschwindigkeiten zu erlauben)). Daraus ergab sich häufig die Situation, dass die optimale Shinkansen Strecke von den bestehenden Bahnhöfen mehrere Kilometer entfernt errichtet wurde und neue Stationsnamen erforderlich machte.

Zum Glück verdeutlicht der Name des Bahnhofs Neu-Osaka (eben Shin-Osaka) gleich seine Beziehung zum Shinkansen.

Wow, keine Ahnung was da über mich gekommen ist. Ich war auf dem Weg nach Nara, wenn ich mich richtig erinnere.

Nara, heute Heimat von etwa 350.000 Menschen und Hauptstadt der gleichnamigen Präfektur war Nara ab 710 Japans erste permanente Hauptstadt (784 wurde der Sitz nach Kyoto verlegt). Davor wurde der kaiserliche Hof aus religiösen Gründen nach dem Tod des Kaisers an einen neuen Ort verlegt.

Aufgrund seiner historischen Bedeutung bietet Nara eine Vielzahl an Schrein... HIRSCHE

Neben den historischen Stätten und Bauwerken Naras sind die Sikahirsche wohl die berühmteste Touristenattraktion. In einer großen Parkanlage, entlang des Weges zum Kasuga Taisha Schrein gibt es eine, etwa 1400 Stück große Population von freilaufenden Sikahirschen, die dafür bekannt sind, mit ihrem Kopf eine Verbeugung anzudeuten, um dann gefüttert zu werden.

Komisches Fahrrad. Freilaufend heißt hier wirklich nicht eingezäunt. Die Tiere bleiben die meiste Zeit im Park aber es hindert sie nichts daran auf die Straßen zu laufen oder den Rest der Stadt unsicher zu machen.

Um das Wohl der Tiere zu schützen dürfen nur spezielle Hirsch-Cracker gefüttert werden, die vor Ort verkauft werden.
Dabei haben die Tiere über die letzten fast 1300 Jahre (seit 768 der Kasuga Taisha Schrein errichtet wurde) jede Menschenscheu verloren.

Der historische Hintergrund dazu ist, dass die Hirsche als Boten der Götter des Kasuga Taisha Schreins gelten und daher sowohl religiös (den Status als anbetungswürdige Götterboten verloren die Hirsche 1945) als auch gesetzlich (als Kulturerbe) geschützt sind.

Als zahm sollte man die Sika aber nicht bezeichnen. In den meisten Fällen sind sie harmlos und gelegentlich neugierig, vor allem, wenn man etwas aus seinem Rucksack oder einer Tasche holt.
Wenn man den Hirschen leere Hände zeigt oder etwas in der Hand hat, was nicht nach Futter aussieht (z.B. Fotoapparate oder Handys) verlieren sie schnell das interesse.
Sobald man aber ein Stapel Cracker erworben hat wird man aber zur Zielscheibe.

Junger Hirsch mit frischen Geweihspitzen
Älterer Hirsch mit Stümpfen und ja das rechts sind die verdauten Cracker...

Die Interaktion läuft dabei in ein paar Eskalationsstufen ab. Fast alle Hirsche, die einen als Ziel auserkoren haben nähern sich zunächst und verbeugen sich. Wenn man, aus Sicht der Hirsche nicht schnell genug reagiert folgt meistens Verbeugung mit Kontakt (alternativ auch Kopfstoß oder Headbutt). In letzter Konsequenz beginnen viele Hirsche dann entweder an der Kleidung zu ziehen oder, wenn man die Cracker zu niedrig hält, direkt nach ihnen zu schnappen.
Das wiederholt sich solange, bis man keine Cracker mehr hat und alle Hirsche im Umkreis durch eine entsprechende Geste davon überheuten konnte. An dieser Stelle löst sie die Versammlung dann schnell auf und die Tiere suchen sich neue "Futterquellen".

Hat sich da ein Boston Dynamics Roboter als Hirsch getarnt?

Um das Verletzungsrisiko zu minimieren werden die Geweihe der Hirsche jährlich im Hebst geschnitten. Jüngere Hirsche können aber über den Winter schon wieder frische Geweihtriebe ansetzen, die dann im Frühling (wie jetzt, Ende April) schon wieder ein paar Zentimeter lang und spitz sein können sein können.

Flirtender Hirsch, auch was Neues

Alles in allem ist es aber eine sehr lustige und schöne Erfahrung und, wenn man sich an die Verhaltensempfehlungen hält, die im Internet und auf Plakaten in der Gegend kundgemacht sind, laufen die Begegnungen fast immer konfliktfrei ab.
Dass ein Hirsch mal einen schlechten Tag hat lässt sich aber nicht vermeide.

Nach einem späten Mittagessen/frühen Abendessen (wie auch immer man 15:30 klassifizieren will) in Form von Yakiniku (gelegentlich übersetzt mit Japanese BBQ, ein Tisch mit Kohlegrill in der Mitte und reichlich hergeschnittenes Fleisch und Gemüse, und anderen Beilagen) ging es zurück nach Osaka zum Check-In (mit Umweg über das Schließfach mit meinem Gepäck).
Jetzt schreibe ich diese Zeilen und genieße den Blick aus dem 28. Stock über die Stadt.

Ich muss gestehen, das war neu. Bisher hatten alle Hotels Taschenlampen, manche hatten einfache Atemschutz-Sets für die Flucht durch verrauchte Gänge. Das Hotel in Osaka hat vollständige Notfall-Pakete im Kasten.