Tag 20 - Von Berg zu Berg
Oder so ähnlich.
Heute ist der letzte Tag mit einem Programm. Morgen steht nur die Rückreise nach Narita an.
Aufgrund der ausgehängten Warnungen im Hotel, dass Frühstück in der Zeit von 07:30 bis 09:00 (die vollständige Frühstückszeit ist 06:00 bis 10:00) sehr gut besucht sein würde (die Goldene Woche lässt grüßen) entschied ich mich früh aufzustehen und vor dem großen Gedränge an die Reihe zu kommen.
Stellt sich heraus, um 07:00 Uhr ist zwar schon viel los, aber man bekommt noch gut einen Platz ohne Wartezeit.

Nach dem Frühstück ging es mit dem Bus zu einer Haltestelle, die sich einfach nur Ropeway nennt. Der japanische Name ist ロープウェイ前 (oder in Romaji Ropuwei-Mae, also Ropeway, Mae bedeutet hier vorgelagert oder vor um zu signalisieren, dass man nicht direkt bei der Talstation aussteigt sondern noch ein paar Schritte gehen muss).

Die paar Schritte führten mich an einem Schrein vorbei zu einem Parkplatz und etwas Verwirrung, denn von dem Parkplatz gab es nur einen Weg, nämlich durch ein Torii in den Schrein.
Stellt sich heraus, dass der Schrein der einzige Zugang zur Talstation der Seilbahn ist. Das war das erste Mal, dass ich mich auf dem Weg zu und von einer Seilbahn verbeugt habe. Torii- Gates stellen einen Übergang zwischen der menschlichen und der spirituellen Welt dar. Um dies anzuerkennen und seinen Respekt zu erweisen ist es üblich such kurz zu verbeugen bevor man das Tor durchschreitet. Beim Hineingehen bevor man durch das Tor geht, beim Hinausgehen dreht man sich nach dem durchgehen kurz um und verbeugt sich.
Bei viel Touristen-Andrang wird das meistens ignoriert aber wenn man hauptsächlich von Einheimischen umgeben ist fällt es doch eher auf.
Die Seilbahn führt auf den 333 Meter hohen Mount Insa (Japan hat keine Definition für einen Berg. Die Grundregel ist, wenn die Einheimischen Berg dazu sagen ist es ein Berg), einen Hügel südlich von Nagasaki mit einer Aussichtsplattform und einem, fast, uneingeschränkten 360 Grad Ausblick.
Das fast im vorigen Satz verdanken wir NHK und anderen Fernsehsendern, die auf Mount Insa ihren perfekten Standort für drei Rundfunktürme gefunden haben.
Von hier oben sieht man erst richtig, wie sehr Nagasaki von Hügeln und Bergen umgeben ist und wie dicht alles bewaldet ist.

Nach ein paar Runden auf der Aussichtsplattform und zum Glück nicht vom Winde verweht, obwohl der Wind sein bestes probiert hat, trat ich die Reise ins Tal an und sah mich mit einer wichtigen Frage konfrontiert. Es ist 10:30 Uhr, was mach ich jetzt? Durch den frühen Start in den Tag war es noch nicht mal Mittag.
Die erste spontane Idee, ein Ausflug nach Hashima, auch bekannt als Gunkanjima (oder übersetzt, die Kriegsschiffinsel) scheiterte leider an der übermäßigen Spontanität. Weder das Fährunternehmen, noch spezialisierte Tour-Anbieter hatten vor Ende Mai freie Termine.

Kurz zum Andrang auf Hashima. Die Insel wurde ab dem späten 19. Jahrhundert für den Kohleabbau entdeckt. Zuerst direkt unter der Insel, später auch unter dem umgebenden Meeresboden.
Der Spitzname Gunkanjima entstand, weil die Insel eine längliche Form aufweist und zum Schutz vor Stürmen mit hohen Brandungsmauern umgeben ist.
Wegen der knappen Platzverhältnisse auf der Insel (500 x 160 Meter) wurden hohe Wohngebäude errichtet.
1959 wurde auf Hashima die höchste, offiziell gezählte Bevölkerungsdichte der Welt gemessen (83.476 Einwohner pro Quadratkilometer). Es gibt höhere Zahlen, die genannt werden, zum Beispiel Kowloon Walled City mit 1.300.000 Einwohner pro Quadratkilometer. Diese und andere zahlen sind aber in der Regel Schätzungen, da keine genaue Einwohnerzahl bekannt war.
Aufgrund der schlechten Lebensumstände, baufälliger Gebäude und dem Rückgang des Kohleabbaus ist die Insel seit 1974 verlassen. Seit 2015 ist Hashima UNESCO Weltkulturerbe.
Fun Fact, Hashima diente als Inspiration für den Unterschlupf des Bösewichts in Skyfall. Die Szenen wurden aber nicht in Japan sondern in Macao gefilmt.
Nun aber genug von dem was ich nicht machen konnte. Auf der Suche nach einer anderen Idee auf Google Maps stachen mir zwei Namen ins Auge, relativ nahe beieinander.
Diese Namen sind Shimabara und Unzen.
Warum mir der erste ins Auge stach ist einfach erklärt. Bei meinem Besuch in Dejima war auf einigen Infotafeln die Rede vom Shimabara Aufstand, jener Rebellion, die von den Niederländern auf Bitte des Shogun, niedergeschlagen wurde.
Shimabara, bis 1600 eine Hochburg des christlichen Glaubens in Japan, war Ausgangsort einer Reihe von Aufständen gegen das bestehende Feudalsystem und den Shogun in Edo.
Politisch kam dies dem Shogun sehr gelegen und der Aufstand wurde als Christen-Aufstand bezeichnet und als Vorwand genommen, die christlichen Religionen in Japan zu unterdrücken.
Für Unzen muss ich etwas ausholen. Als Jugendlicher sah ich vor vielen Jahren eine Dokumention über Vulkauausbrüche mit diesen Bildern.
Der Vollständigkeit halber, während dieser Eruption und dem Pyroklastischen Strom, der sich ins Tal wälzt, starben am 3. Juni 1991 43 Wissenschaftler und Journalisten, da die Größe und Intensität der Eruption um ein Vielfaches unterschätzt wurde.
Dieser Ausbruch war Teil einer Serie von Eruptionen zwischen 1990 und 1995. Seither ruht der Vulkan wieder.
Erst vor kurzem sah ich dann auf Youtube ein Video zum Thema Leben mit den Vulkanen. Von dort blieb mir auch der Name Mount Unzen im Gedächtnis.
Für den Vulkan hatte ich keine speziellen Pläne, da ich dafür etwas früher anreisen und besser planen müssen. Für alles andere war mein Gedankengang, schönes Schloss, viel Geschichte, nette Zugfahrt und ein Vulkan im Hintergrund. Deal.

Also ging es mit dem Zug zunächst nach Isahaya und von dort weiter mit der Shimatetsu Privatbahn weiter nach Shimabara.
Kurz ein Wort zu Zügen ohne Express-Ambitionen im Namen. Man braucht etwas Zeit dafür. Die 40 km von Isahaya nach Shimabara legt der Zug in 65 Minuten zurück.

Vom Bahnhof Shimabara sieht man direkt das Schloss und dahinter einen der Gipfel des Mount Unzen Vulkan-Komplexes. An dieser Stelle erwähnenswert, es gibt einen Gipfel namens Mount Unzen aber der Vulkan erstreckt sich unter zumindest drei weiteren Gipfeln und ist über die Jahrhunderte von mehreren Kratern ausgebrochen.

Shimabara Castle ist eines jener Schlösser, das im 20. Jahrhundert in Stahlbeton aufgebaut und mit Holz verkleidet rekonstruiert wurde.
Die Zerstörung der Burg erstreckt sich aber über mehrere Jahrhunderte.
Als Ausgangspunkt der Shimabara Aufstände (passender Name, ich weiß) war Shimabara Castle über viele Jahre belagert. Diese Belagerung überstand die Burg aber aufgrund ihrer starken Befestigungsmauern und weiten Burggräben.

Die größere Schäden ereigneten sich später im Jahr 1792 mit dem Unzen-Disaster. Ein großer Ausbruch und Kollaps einer der Kraterwände führte zu einem enormen Felssturz in die enge Meeresbucht und erzeugte einen Tsunami, der von der gegenüberliegenden Seite der Bucht in Kumamoto zurück Richtung Shimabara refektiert wurden (die zurück geworfenen Wellen dürften immer noch eine Höhe von 5-10 Metern gehabt haben).
Im Zuge der Meji-Restauration wurde das Schloss in den 1870er zum Abriss freigegeben und vollständig zerstört.
Nach einer Runde durch die Burg und die umgebende Befestigungsanlage entschied ich mich nach Nagasaki zurückzufahren. Für weitere Aktivitäten hätte es mehr Planung und mehr Zeit bedurft.
Damit ist es das auch für die Blog-Beiträge zu Japan. Morgen geht es zurück nach Narita und übermorgen geht der Flug.