Tag 13 - Fly Little Bird to Hiroshima

Tag 13 - Fly Little Bird to Hiroshima
Photo by Yuu Khoang / Unsplash

Als kleine Vorwarnung, angesichts meines aktuellen Aufenthaltsortes wird es sich nicht vermeiden lassen, dass die nächsten Tage eine emotionale Achterbahn werden.

Aber alles der Reihe nach. Der Tag begann in Osaka mit Kofferpacken, Auschecken und eine Haltestelle nach Shin-Osaka zu fahren.
Dort stellte sich heraus, dass unser aller Lieblingsrentier nicht übertrieben hatte als er Kawaii (niedlich) sagte.

Kurz nach der Ankunft am Bahnsteig wurde dieser pink-weiße Shinkansen am Gleis bereitgestellt.

Fangen wir bei der Katze an. Hello Kitty ist eine Marketing-Figur des japanischen Großhandelsunternehmens Sanrio, einer Firma/Firmengruppe bei der man besser fragen kann, was sie nicht machen. Sie vertreiben Geschenksartiken, Geschirr, Besteck, betreiben zumindest einen Vergnügungspark, von dem ich weiß, vermarkten Hello Kitty, und stellen animatronische Roboter her.

Warum ist jetzt eine Cartoon-Katz auf einem Zug? Diese Partnerschaft zwischen Sanrio und JR West besteht seit 2018. Die JR-Gesellschaften kooperieren öfters mit Firmen, Anime oder Computerspielen und fahren mit Zügen mit besonderen Lackierungen.

Diese konkrete Kooperation läuft allerdings nur mehr bis zum 16. Mai 2026. Dann wird dieser Zug, sowie die übrigen Shinkansen der Baureihe 500, ausgemustert.

Zu guter Letzt zum Zug selbst, das hier ist ein Shinkansen der Baureihe 500, der ab 1997 gebaut wurde und bis 2010 als primärer Zugtyp die Tokaido und Sanyo Shinkansen bediente.
Ab 2010 wurden die meisten Garnituren ausgemustert und die verbleibenden Exemplare wurden von den schnellen Nozomi zu den langsamen Kodama-Verbindungen degradiert.

Notiz am Rande: Wegen der enormen Laufleistungen (im Schnitt 400.000 km pro Zug und Jahr) und fast permanenten Nutzung werden Shinkansen Züge mit einer Lebensdauer von 15-20 Jahren entworfen. Zum Vergleich, in Europa und den USA sind für Zuggarnituren Lebensdauern von 30-50 Jahren veranschlagt.
Ich persönlich finde es schade, da die Serie 500 Shinkansen durch ihre runde Form futuristischer und schneller wirken als ihre Nachfolger, inklusive der aktuellen N700S.

Die pinke Bemalung setzt sich im Inneren des Zuges fort. Wagen eins beherbergt den Hello! Plaza, einen Shop, der Souvenirs und andere Hello-Kitty-Artikel anbietet.
Wagen zwei ist ein besonders bunt gestalteter Sitz-Wagen mit Selfie/Foto-Ecke. Die Wagen drei bis acht sind dann normale 3+2 und 2+2 bestuhlte Passagierwaggons mit kleineren Hello Kitty Verzierungen.

In der Buchungsplattform (SmartEX) von JR West gibt es keinen Hinweis, dass es sich bei diesem Zug um eine spezielle Garnitur handelt. Die Plattform gibt zwar den Typ mit 500 an, aber von diesen gibt es aktuell noch ein paar im regulären Einsatz, ohne Katze.
Der Zug mit Katze fährt einmal täglich von Hakata nach Osaka und einmal täglich retour.
Daraus ergibt sich die lustige Situation, dass entlang der Strecke Geschäftsleute, komplett in Anzug, mit Krawatte und Aktentasche am Bahnsteigstehen und bei Einfahrt des Zuges kurz verwundert, manchmal leicht ärgerlich aussehen, bevor sie einsteigen.
Noch besser ist es aber wenn besagte Geschäftsleute ein paar Haltestellen später mit einer Hello Kitty Einkaufstasche den Zug verlassen.
Poe meinte übrigens, dass ich dem Plastiksackerl mit Hello Kitty Aufdruck in meinem Rucksack keine Beachtung schenken sollte. Was auch immer dieses Rentier wieder ausheckt.
Zumindest hält er keine Meetings mehr mit PowerPoint Präsentationen, die Übergriffe auf meine Getränke-Vorräte zum Inhalt haben.

Zweite Notiz am Rande, wie zuvor schon erwähnt fahren die Serie 500 Shinkansen nur mehr Kodama-Verbindungen und bleiben damit bei jedem Shinkansen Bahnhof stehen. Dazwischen erreichen sie zwar immer noch beachtliche Geschwindigkeiten aber im Schnitt bleibt der Zug trotzdem alle 15-20 Minuten stehen.
Das hat zur Folge, dass der Kodama in jedem zweiten oder dritten Bahnhof von einem schnelleren Nozomi oder Hikari überholt wird, während er im Bahnhof steht.
Wie schon bei Himeji angesprochen, erfolgen Bahnhofsdurchfahrten bei voller Geschwindigkeit.
Aus Sicht des überholten Zuges bedeutet das Boom (die Schockwelle des vorbeifahrenden Zuges trifft den stehenden Zug), dann 6 oder 14 Mal Woosh (je nachdem ob der vorbeifahrende Zug 8 oder 16 Waggons hat) und abschließend nochmal Boom (hinter dem vorbeifahrenden Zug bildet sich eine Unterdruck-Zone und starke Luftwirbel, die ebenfalls wieder den stehenden Zug treffen).

Nach etwa 2,5 Stunden fahrt erreichte ich Hiroshima. Das Gepäck in einem Schließfach verstaut (für den Check-In war es noch etwas zu früh) ging es zunächst zum Hiroshima Castle, das leider geschlossen hatte.
Dieses Mal lass ich die Schuld aber zu 100% bei Google Maps, da das Schloss als "hat bis 17:00 geöffnet" gelistet war.

Deshalb ging es, nach ein paar Fotos von außen, weiter Richtung Hiroshima Peace Memorial Park, mit einem Zwischenstopp im Orizuru Tower Hiroshima, einem 12 Stöckigen Gebäude mit einer Aussichtsplattform und anderen, interessanten Eigenschaften.
Ich habe dieses Gebäude vor einiger Zeit in einer Reportage gesehen und war seither fest entschlossen, dort vorbeizuschauen, wenn ich mal in Japan bin.

Neben der Aussichtsterrasse hat der Orizuru Tower auch einen spiralförmigen Weg, der die Stockwerke verbindet und weitere Ausblicke auf die Stadt zulässt.
Zusätzlich ist an der Innenseite der Spirale eine Rutesche über mehrere Stockwerke montiert.
Das geht zurück auf den Wunsch des Bauherren und Besitzer des Turmes, Tetsuya Matsuda, der einfach Spaß verbreiten wollte.
Warum ich jetzt diesen Namen ins Spiel bringe? Man nehme den Nachnamen des Herren, Matsuda und ersetze das tsu durch ein z. Zoom-zoom.

Letzte Besonderheit des Gebäudes, und das, was es mir besonders angetan hat, ist die Orizuru Wall, ein von außen sichtbarer, verglaster Hohlraum, der sich an einer Seite über die gesamte Höhe des Gebäudes erstreckt.
Besucher bekommen nach ihrem Aufenthalt auf der Aussichtsplattform ein Stück Origami Papier und sind eingeladen einen Kranich zu falten (Anleitung gibt es entweder als Video, als Schritt-Für-Schritt-Animation oder persönlich durch die Angestellten).
Nach einer erfolgreichen Origami-Session geht man zum oberen Ende der Orizuru Wall im 12. Stock, fasst seine Gedanken zum Thema Frieden in der Welt und entlässt den Kranich in die Glaswand, wo er sich zu derzeit 1,25 Millionen anderen Origami-Kranichen gesellt.
Der ursprüngliche Plan lautete die Wand bis oben hin aufzufüllen aber wegen dem Gewicht von mehr als einer Million Stück Origami-Papier wurde eine maximale Anzahl von 1,7 Millionen festgelegt ab der die Wand als voll gilt.
Sobald die Wand voll ist werden die Kraniche entnommen und aus dem Papier wird ein einer symbolischen Wiedergeburt (aka Recycling) als Peace Paper, Papier für Souvenirs, Schreibblöcke, Ansichtskarten und andere Papierprodukte die dann in Geschäften in Hiroshima verkauft werden.
Das folgt der Tradition in Hiroshima nach der viele Millionen gespendete Origami-Kraniche recycelt werden.

Was hat es jetzt aber mit dem Kranich auf sich? Sowohl der Orizuru Tower, als auch die anderen Origami-Kraniche die in Hiroshima gefaltet und gespendet werden gehen zurück auf die Tradition der Tausend Kraniche (Senbazuru), der zufolge man durch das Falten von 1000 Origami-Kranichen um Gesundheit, Heilung oder ein langes Leben bitten kann.
Für Hiroshima prägnant wurde diese Tradition durch Sadako Sasaki.

1943 geboren überlebte Sadako den Atombomben-Abwurf 1945, erhielt jedoch eine lebensgefährliche Strahlendosis. Im Alter von 12 Jahren wurde bei ihr Leukämie diagnostiziert.
Während eines Krankenhausaufenthaltes brachten Freiwillige Origami-Kraniche als Glücksbringer für die Patienten vorbei.
Auf die Frage an ihren Vater, was es damit auf sich hat, erzählte er ihr die Legende, der Kraniche, dass diese 1000 Jahre lang leben und, dass Leuten, die 1000 Origami-Kraniche falten, eines für jedes Lebensjahr der Kraniche, ihre Wünsche in Erfüllung gehen.

Daraufhin begann Sadako Kraniche zu falten bis sie im selben Jahr ihrer Diagnose, 1955, verstarb. Laut Überlieferung fertigte sie in dieser Zeit ca. 1300 Kraniche.
Aus ihrer Geschichte heraus entstand die Tradition, dass Schulklassen in Japan und auch weltweit Kraniche falten und nach Hiroshima schicken.

Seit 1958 steht im Peace Memorial Park auch das Children's Peace Memorial. Über die Inspiration darf sich jeder selbst Gedanken machen.

Im Vordergrund das Denkmal für die Opfer der ersten Atombombe 1945, dahinter die Ewige Flamme und im Hintergrund der A-Dome

Nach einem kurzen Spaziergang durch den Peace Memorial Park ging es zurück zum Bahnhof, mein Gepäck abholen und dann weiter ins Hotel.