Tag 2

Sind wir sicher, dass wir in der richtigen Stadt sind?

Tag 2
Sind wir sicher, dass wir in der richtigen Stadt sind?

Ich hab mich der Einfachheit halber dazu entschieden die Nummerierung nur auf die Tage in Japan einzuschränken.

Um meine abschließende Bemerkung von gestern noch einmal aufzugreifen, wach bleiben ist deutlich einfacher (siehe meine Verwunderung, dass es beim Schreiben so spät wurde) als zu schlafen. Da merkt man, dass die innere Uhr noch etwas Justierung benötigt. Aber genug von meinen Befindlichkeiten an Tag 3, zurück zu den Erlebnissen von Tag 2.

Tag 2 begann, dank der verwirrten inneren Uhr und des unüberhörbaren Rufes meines Bettes dem ich um 21:00 nicht mehr widerstehen konnte um 06:00 mit reichlich Zeit zum Aufwachen und Planen (ich habe zwar einen groben Plan was ich sehen möchte und ein paar fix gebuchte Reservierungen aber sonst ist mein Aufenthalt sehr flexible gehalten).

Die Fixpunkte des heutigen Tages waren ein fix terminiertes Ticket für Teamlab Planets um 15:30 und ein Ticket für die Immersive Yokai Experience für den heutigen Tag, ohne fixe Zeit.

Das lässt also noch Platz für ein paar zusätzliche Aktivitäten. Nach etwas Recherche und Ticket buchen war der Plan für den Tag finalisiert. Dieser Punkt hat durchaus eine große Bedeutung, wenn man nicht den ganzen Tag in öffentlichen Verkehrsmitteln verbringen will.

Tokio ist dermaßen ausgedehnt, dass Strecken auf Google Maps vergleichsweise kurz aussehen, wenn man kleinere Städtedimensionen gewohnt ist. Die meisten bisher gefahrenen Strecken bewegen sich um 20-30 Minuten Fahrzeit und bei längeren Strecken sind 40-60 Minuten auch durchaus möglich. Daher mach Routenoptimierung durchaus Sinn.

Nach dem Frühstück ging es zum Tokyo Skytree, dem höchsten Bauwerk Tokios, Japans und dem dritthöchsten Bauwerk weltweit. Wie auch der Tokyo Tower wurde der Skytree als Rundfunk- und Kommunikationsturm errichtet. Aufgrund der neu errichteten Hochhäuser zwischen 1958 und 2008 wies die Signalabdeckung des Tokyo Tower einige große Lücken auf. Deshalb entschied man sich einen neuen, fast doppelt so hohen Turm zu bauen.

Etwas getrübt aber aus 10 km ist der Skytree immer noch imposant

Hinter der Höhe von 634 Metern verbirgt sich ein japanisches Wortspiel. Die Anfangssilben der Zahlen 6 (mu ttsu, als Zählwort für Gegenstände), 3 (sa n) und 4 (shi) ergeben das Wort Musashi, eine historische Bezeichnung für die Region, in der der Skytree errichtet wurde.

Diese enorme vertikale Größe hat auch Einfluss auf die Aussichtsplattformen. Die unterste Ebene der unteren Plattform liegt mit 340 Metern schon über der Spitze des Tokyo Towers mit seinen 333 Metern Gesamthöhe. Das eigentliche Hauptgeschoss der unteren Plattform ist zwei Etagen höher auf 350 Metern.
Die obere Plattform befindet sich dann auf einer Höhe von 450 Metern

Leider war die zusätzliche Höhe an diesem Tag nicht ausreichend um weiter sehen zu können. Seit der Früh hatte sich eine Dunstglocke über den Großraum Tokio gelegt und die Sicht laut Angaben der Betreiber auf ca. 30 km reduziert.

Daher gibt es nur ein paar wenige mit viel Grau. Aber um mit etwas lustigem zu Schließen, die Betreiber des Skytree haben bei der Marketing-Message für die Aufzüge etwas getrickst. Um die Geschwindigkeit beeindruckender erscheinen zu lasse ist sie mit 600 Metern pro Minute angegeben. Das klingt erst Mal nach einer großen Zahl, bis man auf eine gängigere Maßeinheit umrechnet. Dann landet man bei 10 Metern pro Sekunde oder 36 km/h. Das ist für einen Aufzug immer noch ein sehr guter Wert, aber nur in die Hälfte des Rekordhalters in der Kategorie "schnellster Aufzug".

Nach der Turmbezwingung ging es gleich ein Stockwerk weiter. Im gleichen Gebäude von dem der Skytree ein Teil ist befindet sich das Sumida Aquarium.

Dort gibt es eine Vielzahl von Fischen und anderen Wasser-Lebewesen. Die Stars der Show sind aber eindeutig die Magellan-Pinguine, dicht gefolgt von einer Gruppe Robben, allerdings strikt getrennt in separaten Becken, zum Wohle aller Beteiligten.

Sonst gibt es nicht viel dazu zu sagen und die Bilder sprechen für sich.

Während Covid und Lockdown haben diese Aale eine massive scheu vor Menschen entwickelt und sich in den Sand zurückgezogen sobald sich ein Pfleger dem Aquarium genähert hat. Das ist schlecht für die Tierpflege. Die Lösung: Ipads und Facetime damit sich die Aale wieder an Menschen gewöhnen. Kein Witz... https://www.bbc.com/news/newsbeat-52500113

Nach dem Aquarium ging es für mich weiter nach Odaiba, einer künstlichen Insel in der Bucht von Tokio und Heimat mit dem Zeil etwas Zeit zu überbrücken bevor um 15:30 der Einlass in Teamlab Planets möglich wurde.

Der Großteil der Fläche von Odaiba wurde in den 1980er Jahren aufgeschüttet. Teile der Insel gehen jedoch auf eine künstlich angelegte Verteidigungsinsel/-stellung (japanisch Daiba) aus den 1850er Jahren zurück, die das Tokugawa Shogunat sehr kurzfristig nach dem Erscheinen der US-Flotte unter Kommodore Perry errichten ließ.

Eine kleine Auswahl der Besonderheiten, die mir aufgefallen sind (abgesehen davon, dass Odaiba gefühlt ein Traum architektonischer Selbstverwirklichung ist (siehe Big Sight Tokyo)):

  • Im Odaiba Sea Side Park steht eine im Maßstab 1:7
  • Entlang der gleichen Promenade finden jeden Abend (außer bei zu starkem Wind) kurze Konzerte mit Wasserspielen Stadt (nicht ganz so spektakulär wie Fountains of Bellagio in Las Vegas aber es geht in die gleiche Richtung)
  • Entlang der dortigen Lokalbahn gibt es eine Haltestelle namens Tokyo Teleport. Leider ist der Name nur ein Portmanteau aus Telecommunication und Port. Auffälligstes Gebäude hierfür ist das Fuji Television Building (um bei der architektonischen Selbstverwirklichung zu bleiben)
  • Die Lokalbahn nach Odaiba verläuft parallel zum Autoverkehr über die Regenbogenbrücke. Das heißt, sie macht auch die gleiche Schleife wie der Straßenverkehr um die notwendige Höhe über dem Wasser zu erreichen.
    Das heißt aber auch dass die Haltestellen an beiden Enden der Brücke weit voneinander entfernt sind und nicht zu Fuß zurückgelegt werden kann.
    (Die Brücke ist sehr lang, die Schleifen machen die zurückgelegte Strecke noch länger und einen Gehweg gibt es ob der zuvor genannten Gründe nicht).
    Diesem Umstand tragen die Informationstafeln in den Haltestellen Rechnung in dem sie zwischen den beiden Haltestellen eine Schleife eingezeichnet haben.
Fuji Television Building

Damit aber genug von Odaiba und ab auf die nächste künstliche Insel (diesmal aus den 1920er Jahren) und Teamlab Planets.
Um es einfach und nüchtern auszudrücken, Teamlab ist ein internationales Künstlerkollektiv und Planets ist eine ihrer Ausstellungen/Installationen auf Toyosu.
Ziel war es ein Erlebnis zum fühlen und angreifen zu schaffen. Aus diesem Grund heißt es auch vor dem ersten Abschnitt der Ausstellung Schuhe und Socken ausziehen. Man watet nämlich durch ca. 15 cm weiß gefärbtes Wasser auf dessen Oberfläche Bilder projeziert werden. In weiterer Folge wechselt mehrmals der Untergrund bis man wieder zurück bei den Schließfächern ist wo man seine Schuhe und Socken wieder abholen kann.

Der nächste Abschnitt (der zuvor beschriebene heißt übrigens höchst kreativ WATER) FOREST teilt sich in zwei Sektionen und beinhaltet eine Reihe von Projektionen mit denen man teilweise mittels App interagieren kann und man eigene Kreationen zeichnen, einscannen und dann in die Projektionswelt hinaus entlassen kann.

Der letzte Abschnitt, Garten besteht aus mehreren angelegten Gärten (z.b. ein Moosgarten). Highlight hier ist aber eine dynamische Installation bei der tausende Orchideen an hunderten von Angelschnüren von der Decke bis fast zum Boden hängen und einem den Weg versperren. Bis man sich weit genug annähert. Dann werden die Orchideen unmittelbar vor einem auf knapp 1,90m hochgezogen um einem den Weg freizumachen.
Für viele Menschen dürfte dies aber eine unzumutbare Wartezeit darstellen, in Anbetracht der Menge an Menschen die wild herum gestikulierten um die Sensoren schneller auszulösen und so schneller voranzukommen.

Nach diesem Erlebnis ging es weiter zum letzten Programmpunkt des Tages. Die Yokai Immersive Experience Tokyo.
Das erfordert wieder etwas Erklärung.

Immersive als Hinweis, dass die Ausstellung mit großflächigen Projektionen arbeitet um lebensgroße bewegte Abbildungen zu erschaffen.

Das Gesicht auf dem Schirm und die Szene auf der Papier-Wand sind Projektionen

Yokai sind in der japanischen Mythologie Geister und andere spirituelle Wesen. Diese reichen von hilfreich über trickreich bis hin zu bösartig.
Ihre Formen, so sie eine physische Form haben, können tierische Elemente enthalten oder menschliche Elemente oder auch Gegenstände.
Ein älterer Mythos besagt zum Beispiel, dass Werkzeuge und Gegenstände die von Handwerksmeistern über jahrzehnte benutzt wurden durch deren Schaffenskraft eine eigene Seele entwickelten und damit zu yokai wurden, mit dem zusätzlichen risiko, dass dein Werkzeug, wenn du es durch ein neues ersetzt eventuell auf Rache aus sein kann.

Faszinierend finde ich, dass diese Wesen über viele Jahrhunderte immer einem Wandel unterlegen sind wie sie interpretiert wurden.
Vom Versuch mittels Geistern und mystischen Wesen eine Welt und ihre Naturphänomene zu erklären über Vorboten großen Unheils zur heutigen Betrachtung von Vertretern einer Welt, die trotz modernen Wissens für uns in manchen Bereichen unerklärlich bleibt.

Eben so faszinierend fand ich, dass auch heute noch neue Yokai kreiert werden um neue Entwicklungen zu kommentieren.

Zum Beispiel, der Gesichstdieb (das Smartphone, entweder man blickt nach unten auf das Handy und nicht auf das Gegenüber oder man hat das Handy vor dem Gesicht um z.b. ein Foto zu machen).

Die schlafende Eisfrau deren Bett aus Eis schmilzt...

Ein Gockel, der Leuten im Schlaf die Ohren zuhält, damit sie ihren Wecker überhören

Nach der gruseligen Geschichtsstunde ging es zurück ins Hotel.