Tag 6 - Diesmal wirklich

Tag 6 - Diesmal wirklich

Der gestrige Interims-Titel bezog sich auf meinen Besuch im Arakurayama Sengen Park. Ohne Google oder einen Reiseführer zu konsultiert zu haben sagt einem dieser Name wahrscheinlich nicht viel. In diesem Park findet man die Chureito Pagode.
Wie man sich jetzt vielleicht denken kann, ja es ist das Gebäude im Titelfoto.

Diese Perspektive ist eine einer Hand voll Fotos die Millionenfach in Tourismuswerbung um die Welt gegangen sind (andere Beispiele wären diverse Blickwinkel von Mount Fuji, der Asakusa Tempel, die Torii Gates in Kyoto, um nur ein paar zu nennen).

Was hat es jetzt mit den Treppen auf sich? Wie aus dem Foto hoffentlich hervorgeht, liegt der Arakurayama Sengen Park mitsamt Pagode und der Aussichtplattform, von der dieses Foto gemacht wurde, an einem Berghang, etwa 100 Meter oberhalb des Bahnhofes Shimoyoshida, über den man anreist (der Berg ist schon höher, sonst hätte ich es an dieser Stelle Hügel genannt).

Nach etwa 10 Minuten Fußmarsch (15, wenn es an Engstellen spießt oder die Menschenmassen sich stauen) erreicht man den Fuß des Berges und steht vor einer Wahl.
Ist man ein braver Tourist, der sich an alle Regeln und Schilder hält oder ignoriert man Schilder und teilweise sogar Wachpersonal?

Der regelkonforme Aufstieg führt über 400 Stufen in mehreren Etappen gerade hinauf zur Pagode. Zwischendurch sind Bereiche zum Verschnaufen eingerichtet und man findet auch einen kleinen Schrein.
Kurz vor der Pagode zweigt dann aber der Pfad zur Aussichtsplattform ab. Der bringt zwar keine Stufen mehr mit sich, verläuft aber in fünf Serpentinen und ist ein Musterbeispiel für absoluten Massentourismus.

Unmittelbar nach Beginn des Pfades begrüßt einen nämlich ein Schild mit der Aufschrift "Wartezeit für die Aussichtsplattform 90 Minuten". Das gilt aber nur, wenn es eine durchgehende Schlange bis zu diesem Schild gibt. Zum Glück ging es für mich weiter, vorbei am 60 Minuten Schild und ich kam erst kurz vor dem 15 Minuten Schild zum Stehen und siehe da, die tatsächliche Wartezeit betrug in etwa 20 Minuten,
Zum Höhepunkt der Sakura-Blüte und im Herbst sind die 90 Minuten Wartezeit aber ernst gemeint.

Der Grund, warum diese Abschätzung so gut funktioniert ist einfach erklärt. Die Betreiber haben Erfahrung wie viele Leute in X Metern Schlange Platz haben. Der Zutritt zur Aussichtsplattform ist auf fünf Minuten begrenzt und pro Block gibt es eine Maximalanzahl an Leuten, die reingelassen werden.
Wie gesagt, perfekt optimierter Massentourismus und trotzdem, wenn man schon mal da ist wäre es blöd nicht die Aussicht zu genießen und zu versuchen einen perfekten Blickwinkel für das Foto zu finden.

Nach einigen Fotos in unterschiedlichen Blickwinkeln ging es wieder zurück zur Pagode wo mir auffiel, dass diese auf allen Schildern mit englischer Sprache nicht als Chureito Pagoda sondern als Memorial Tower bezeichnet wird. Eine Tafel lieferte dann auch die Erklärung dafür.

Die Pagode ist kein historisches Bauwerk, sondern wurde 1958 auf Betreiben des damaligen Bürgermeisters als Denkmal für die Gefallenen aus dieser Region aus mehreren Kriegen zwischen (1868 und 1945) errichtet.
Vom Typ her ist es ein "Leeres Grab" also ein symbolisches Grabmal für unidentifizierte Verstorbene.

Bemerkung am Rande: Der Arakurayama Sengen Park war bereits vor Errichtung der Pagode ein Anziehungspunkt für Fotografen, da auf den vorhandenen Pfaden durch die dort natürlich wachsenden Kirschbäume und mit Mount Fuji im Hintergrund rund um die Kirschblüte auch ohne Pagode beeindruckende Bilder möglich waren.

Für den Rückweg hat man auch offiziell zwei Möglichkeiten (anders als beim Weg nach oben). Entweder 400 Treppen oder einen knapp 20 Minuten langen Weg. Was uns zurück zu den Regel-ignorierenden Touristen bringt.
Warum nur der Weg nach unten eine Einbahn ist und nicht die Stiege erschließt sich mir nicht ganz aber es wird vermutlich Gründe geben warum in fünf Sprachen, deutlich sichtbar angeschrieben ist, dass man nicht über den Weg hinaufgehen darf und dann auch noch ein Wachmann steht, der auf Japanisch, Chinesisch und Englisch den Leuten ins Gesicht sagt, dass sie die Treppe nehmen sollen woraufhin dann eine erschreckend große Anzahl an Touristen einen Schritt zur Seite macht und eiskalt an ihm vorbeigeht.
Die Mentalität mancher Leute werde ich wohl nie begreifen.

Dieses Foto, oder konkret, diese Perspektive hat vor Jahren eine hitzige Debatte run um den Tourismus ausgelöst. Es war zeitweise so schlimm, dass Influencer Staus, Beinaheunfälle und Unfälle herforgerufen haben nur um dieses Foto zu machen. Die umstrittene Lösung? Ein mehrere Meter hoher Sichtschutz auf dem Dach. Die aktuelle Lösung, ein langes Absperrgitter entlang der Straße.

Damit zurück nach Fujigawaguchiko um mein Gepäck aus dem Schließfach zu holen und mich auf den Rückweg nach Tokio zu machen.

Im Unterschied zum ersten Aufenthalt hatte ich meine Unterkunft für eine Nacht nahe der Tokyo Station gebucht, dem zentralen Shinkansen-Knotenpunkt. Ich war kurz versucht den Begriff Fernverkehrsdrehscheibe zu verwenden, aber das trifft besser auf Shinjuku zu, da von dort mehr Fernzüge und Fernbusse aufbrechen als anderswo im Land.
Aber, Shinjuku ist kein Shinkansenbahnhof und kann ohne massive umbauten auch keiner werden.

Mit Ausnahme der Shinkansen-Linien ist das gesamte japanische Schienennetz ein Schmalspurnetz, das heißt ein Radabstand von knapp über einem Meter (1067 mm für alle die es genau wissen wollen). Im Vergleich dazu fahren die Shinkansen auf Standardspur (1435mm).
Das ist auch der Grund warum Shinkansen in Bahnhöfen wie z.B. Tokyo Station nicht nur von eigenen Bahnsteigen, sondern von anderen Stockwerken abfahren (also oberhalb oder unterhalb des normalen Bahnverkehres) da sich Gleise unterschiedlicher Spurweiten nicht ohne massive Probleme kreuzen können.

Nachdem mein Quartier bezogen war, machte ich mich um 19:30 nochmal auf den Weg in die Stadt, zum einen auf der Suche nach Essen, zum anderen für eine spätabendliche Foto-Runde.
Ersteres war zu dieser Zeit und rund um einen belebten Bahnhof wie Tokyo ein hoffnungsloses unterfangen.
Es gibt zwar hunderte Lokale überall aber alle haben bis fast 21:00 eine mehr oder weniger lange Warteschlange vor der Türe.

Daher entschied ich mich für einen schnellen Planwechsel und schaute zuerst nach Asakusa zum Senso-Ji. Dem hatte ich ja schon ein paar Tage zuvor einen Besuch unter Tags abgestattet, nach 20:00 Uhr sieht die Welt aber komplett anders aus.
Alle Souvenir-Läden entlang der Geschäftsstraße sowie fast alle Läden und Imbisse drei bis vier Straßen weit um den Tempel herumwaren geschlossen. Menschen sind trotzdem noch einige unterwegs, aber es ist ein massiver Unterschied zu den Massen, die sich den ganzen Tag über dort durchschieben.
Der Tempel und die umgebenden Gebäude sind bis 23:00 Uhr beleuchtet.

Danach ging es im gleichen Viertel ein paar Straßen weiter, aber nicht für Fotos sondern für Sushi. Fast ums Eck von Senso-Ji findet sich eine Filiale von Sushiro, einer der großen japanischen Conveyor Belt Sushi (also Laufband Sushi) Ketten in Japan. Früher war das die Inspiration von dem, was bei uns als Running Sushi bezeichnet wird.
Aufgrund von mehreren unappetitlichen Vorfällen mit Influencern und Touristen 2023 die kollektiv unter dem Begriff "Sushi Terror" bzw. "Sushi Terrorism" durch die Medien gingen haben alle Sushi-Ketten in Japan ihr Modell umgestellt.

Es gibt kein kontinuierlich laufendes Band mehr auf dem allgemeine Speisen und Beilagen vorbeilaufen. Stattdessen gibt es nur mehr die Express-Spur, ein Band mit individuellen Abzweigungen je Sitzplatz bzw. Tisch und Speisen kommen nur noch nach Bestellung über ein Tablet zum jeweiligen Platz oder Tisch.

Das war das erste Mal, dass mir der Umstand als Solo-Reisender zugutekam. Denn auch bei Sushiro gab es eine lange Schlange mit Wartnummern und meine Nummer war etwa 40 hinter der aktuell aufgerufenen Nummer.
Allerdings nimmt das System Rücksicht auf die Anzahl der Personen in einer Gruppe (also ob z.B. ein vier oder sechs Personen Tisch benötigt wird) und die abgegebene Präferenz, ob Tisch oder Tresen (gleichbedeutend mit mir egal wo ich sitze).
Als einzelner Gast ohne Präferenz für einen Tisch erhielt ich nach drei anderen aufgerufenen Wartenummern bereits einen Platz.

Und warum ist das sonst überall ein Nachteil? In Japan ist die Empfehlung, wenn Reservierung angeboten wird, reserviere. Mein Problem damit, alle Reservierungssysteme, mit denen ich bisher zu tun hatte, funktionieren nur für zwei oder mehr Personen.
Und es überrascht jetzt hoffentlich niemanden, wenn ich von mir selbst behaupte, dass ich eher der planende als der spontane Typ bin.

Nach dem Essen ging es weiter bzw. eigentlich wieder zurück Richtung Hotel mit einem Zwischenstopp in Akihabara.
Entweder ich bin nicht fähig die Orte zu finden, wo man gute Fotos bekommt oder alles, was man so im Internet findet was quietschbunt ist wurde massiv nachbearbeitet.
Wie ich im gestrigen Platzhalter bereits angedeutet habe, meiner Meinung nach gibt es viele Stadtteile, die weit heller und schriller aussehen als Akihabara.
Vielleicht mit Ausnahme der leicht bekleidet animierten Figuren an vielen der Fassaden.

Da es an dieser Stelle bereits auf 22:30 Uhr zuging und alle anderen Bezirke mit buntem Nachtleben gut 40 Minuten entfernt waren, entschied ich mich zurück ins Hotel zu fahren.